Gleich am Tag meiner Ankunft in Vladivostok kann ich mich im warmen Wasser des Pazifiks erfrischen, das erste Mal auf meiner Reise sehe ich nun das Meer. Benitos Freund Sergej hat eine huebsche Wohnung in einer dieser alten Sowjet-Bauten. Wenn man die Fassaden der Haeuser anschaut, bekommt man das Gefuehl, dass hier arme Leute wohnen. Das ist bei Sergej aber nicht der Fall, er hat die Wohnung wunderbar umgebaut und ich kann auf dem Sofa schlafen.Meine ersten Eindruecke von Vladivostok sind anders als in den meisten Russischen Staedten die ich gesehen habe. Schon der Bahnhof begruesst einem mit modernen Gebaeuden. Ein Blick auf die Autos zeigt, dass hier mehr Geld vorhanden ist als anderswo. Man koennte sagen, dass Vladivostok die Stadt der Gelaendewagen ist. Jeder zweite faehrt einen modernen japanischen Jeep, so auch Sergej. Natuerlich alle mit Rechtslenkung, alle diese Fahrzeuge sind Second-Hand Exportfahrzeuge aus Japan. Ein wenig erinnert Vladivostok an San Francisco, die Stadt erstreckt sich hauptsaechlich um eine grosse Bucht, umsaeumt von Huegeln, die an jeder Stelle bebaut sind.
Da ich auf mein Motorrad warte, und sowieso einen laengeren Halt in Vladivostok einlegen will, beschliesse ich, mir ein Mobiltelefon zuzulegen. Da Benito schon vor einem Jahr heir war, kennt er bereits viele Leute. Die Zeit vertreiben wir uns in den ersten Tagen mit Besuchen in allen moeglichen Restaurants der Stadt, die Vielfalt ist echt super! Da es hier immer noch sommerlich warm ist, treffen sich die Motorradfahrer abends an der Uferpromenade, trinken zusammen ein Bierchen und schwatzen ein bisschen. Es ist schon witzig, dass Benito und ich nun hier sind, beide ohne Motorrad. Wir werden als Biker ohne Motorrad bezeichnet :-). Nun treffe ich hier in Vladivostok auf eine lebende Legende: Der Motorradfahrer Sinus ist wohl der erste russische Biker, der wie wir um die Welt faehrt. Bei uns ist das nichts besonderes, hier in Russland kennt ihn aber beinahe jeder Motorradfahrer!
Leider bin ich ein bisschen zu spaet nach Vladivostok gekommen um an einem maennlichen Vergnuegen, dem Jagen, teilzunehmen. Langweilig wird es uns aber nie, an zwei Wochenenden fahren wir mit dem Schiff auf eine Insel, baden und grillieren dort. Ein ganz spezieller Leckerbissen sind die direkt aus dem Meer geholten Jakobsmuscheln. Wir leben hier in den Tag hinein ohne etwas zu planen, und meistens ergibt sich dann durch einen Zufall wieder etwas. Entweder treffen wir jemanden den wir kennen auf der Strasse, wir werden kurzerhand in die Banja eingeladen oder spielen eine gemuetliche Runde Billard im Klub von Sergej.
Wochenendausflug nach China
Unser Freund Waldemar (eigentlich heisst er Vladimir) handelt mit Billard-Tischen und Zubehoer. Regelmaessig geht er nach China um dort Tische zu kaufen. Die Frage, ob wir gerne nach China moechten, wird ohne langes Zoegern mit "Ja" beantwortet. Russen brauchen kein Visum fuer eine Reise nach China, wir Europaer muessen aber eines fuer die Einreise besitzen. In Vladivostok gibt es kein chinesisches Konsulat. Da Lizzy (Waldemar, Vladimir, der Mann mit den vielen Namen) aber halb Vladivostok kennt, ist das kein grosses Problem. Unsere Paesse werden durch einen Freund von ihm nach Chabarovsk geschickt, ein paar hundert Kilometer noerdlich von Vladik. Wie das halt in Russland so ist, dauert alles ein bisschen laenger als geplant. Unsere Paesse kommen statt nach einer Woche erst nach zwei bei uns an, genau am Tag der Abreise...Mit dem Flugzeug geht es ab nach Mudanjan, mein erster Flug mit einer russischen Tuploew! Aus der Vogelperspektive sieht man deutlich den Grenzverlauf zwischen Russland und China. Waehrend Ru ssland mit seiner enormen Groesse nur ca. 180 Millionen Einwohner hat, draengen sich in China mehr als eine Milliarde Menschen. Deshalb ist jeder Meter kultiviert, die Reis- und Kornfelder sind aus der Luft deutlich zu sehen. Nach der Landung geht es mit dem Bus ca. 150 Kilometer zurueck in Richtung Russland. In der Grenzstadt Sui Feng He sind wir nun an unserem Aufenthaltsort fuer die naechsten drei Tage.
Wie wohl viele Europaer habe ich mir China als ein armes Land vorgestellt, in dem die Bevoelkerung hauptsaechlich von der Landwirtschaft lebt. Zumindest in Sui Feng He ist davon aber nichts zu sehen. Bei der Stadteinfahrt faellt ein Glastempel ins Auge, ein Stadion befindet sich im Bau. Im Gegensatz zu Russland sind die Strassen und Gebaeude alle in einem Super-Zustand, alles ist relativ sauber. Sui Feng He ist, wie wir erfahren, eine der Staedte mit grossem Handelsvolumen. Kein Wunder, denn in China ist alles unglaublich billig. Ich habe mir eine Nike-Winterjacke fuer unglaubliche fuenf Dollar erstanden! Viele Russen kommen hierher um sich mit allen moeglichen Guetern einzudecken, es scheint sich zu lohnen, sogar ganze Fenster und Baumaterial mit dem Flugzeug nach Russland zu importieren.
Abends lassen wir uns dann so richtig verwoehnen. In einem weiteren Glastempel befindet sich ein wunderbarer Erholungskomplex. Fuer mickrige 10 Dollar verbringen wir dort vier Stunden. Zuerst geht es ab in die Sauna, dann die erste Massage mit einer speziellen Methode um alte Haut abzuschaben. Noch ein Bad im Jakuzi, dann geht es eine Etage hoeher. Dort geniessen wir nochmals eine Ganzkoerper-Massage und dazu ein Bier. Toent gut, oder? Nach so viel Erholung muessen wir uns aber doch noch ein bisschen anstrengen und schauen mal, wie sich das chinesische Nachtleben so anfuehtl.
Die chinesische Kueche hat zwar meinen Magen ein bisschen durcheinander gebracht, schmeckt aber wunderbar. Diese drei Tage haben eigentlich Appetit auf mehr gemacht, da ueber Motorrad-Reisen in China aber immer wieder widerspruechliche Informationen betreffend Machbarkeit gehandelt werden, werde ich das wohl auslassen. Vielleicht bei der naechsten Weltumrundung...?
Wieder zurueck in Vladivostok
Immer ist etwas los, speziell angetan hat es mir das Nachtleben hier in Vladivostok. Waehrend Benito fuer ein paar Tage nach Kamtschatka geflogen ist, bin ich jeden Abend in einem anderen Club unterwegs, immer wieder mit wechselnder Begleitung :-). Mittlerweile kenne ich fast jede Disco hier und bin immer wieder erstaunt wie huebsch die russischen Frauen sind, es ist einfach Wahnsinn! Da die letzten paar Tage aber ein bisschen zu anstrengend waren, habe ich mir vorgenommen, nun wieder ein bisschen ein ruhigeres Leben zu fuehren.
In der Zwischenzeit haben wir uns eine eigene Wohnung gemietet, schoen gelegen im Stadtzentrum von Vladivostok. Auch darueber gibt es einiges zu erzaehlen, zum Beispiel die Episode als wir zu viert eine Stunde in einem kleinen Lift stecken geblieben sind. Ein starker Ruck hat den Lift zum schwanken gebracht, danach ging gar nichts mehr. Zwei Minuten spaeter ging dann auch noch das Licht aus. Eigentlich hatten wir es eilig, da wir mit Lizzy in eine Waldhuette fahren wollten. Einmal mehr waren wir aber auf die Hilfe von Lizzy angewiesen. Der arme Kerl musste im Handbetrieb den Lift in die oberste Etage befoerdern, so ist das eben in Russland! Ich habe mich nun uebrigens ans Treppensteigen gewoehnt...
Und was macht mein Motorrad?
Tja, mein Motorrad... Das ist so eine Geschicht! Aus Mogoja habe ich mein Motorrad auf den Namen von Benito nach Vladivostok gesendet. Das Motorrad war eigentlich schon Anfangs September hier angekommen, gewusst hat das allerdings niemand. Da wir ja nach China wollten, haben unsere Paesse einen laengeren Aufenthalt in Chabarovsk eingelegt. Und wie das halt so ist, kann man Fracht
nur mit dem Pass abholen. Ganz einsam und im Dunkeln des Containers eingeschlossen hat meine AfricaTwin also fast eine Woche auf dem Abstellgleis des Container-Bahnhofs verbracht. Dann endlich konnte ich meine laedierte Kiste abholen. Mit dem Transporter eines Freundes verfrachten wir das Motorrad in einer Garage und lassen sie dort erstmal stehen.Immerhin habe ich nun jemanden gefunden, der mir ein neues Rad aus Japan importieren kann. Eigentlich habe ich gedacht, dass das in Vladivostok kein Problem sein sollte. Nach einigem Hin und Her hoffe ich nun, dass das Rad heute (natuerlich eine Woche spaeter als angesagt) angekommen ist.
Ein Blick in die Kristallkugel
Ich bin froh, dass ich keinen Zeitdruck habe und meine Route flexibel ist, denn wie gesagt, planen kann man hier nicht allzu viel. Ab und zu denke ich uebrigens auch an euch zu Hause, aber ehrlich gesagt habe ich momentan noch gar keine Lust wieder zurueck zu kommen! :-) Dieser Bericht wurde urspruenglich irgendwann Ende September geschrieben. Nach dem Serverausfall ging er mitsamt den Kommentaren verloren und musste nochmals abgeschrieben werden.